27 Jul

Europäischer Freiwilligendienst im ZFP

Hier mal ein äußerst interessantes Freiwilligendienstprojekt! Ja, ihr habt richtig gelesen: der Projekttitel ist auf Deutsch! Es handelt sich um ein Freiwilligendienstprojekt im deutschsprachigen Teil von Belgien! Also, trotzdem ein internationales Projekt und im Rahmen des ESK. Unsere Freiwillige Nele hat dort fast ein ganzes Jahr verbracht. Hier ihr toller Bericht!

 

Ein Freiwilligendienst mit Superhelden? Das geht?
In meinem Falle schon! Ich kann mich glücklich schätzen und arbeite gleich mit einer ganzen Klasse voller Superhelden.

Hallo, ich bin Nele, 19 Jahre alt und momentan bin ich noch in meinem Freiwilligen Jahr über den ESC in Belgien.
Über dieses Jahr werde ich euch jetzt ein wenig berichten.
Die erwähnte Superhelden-Klasse befindet sich in St.Vith, Ostbelgien, in dem kleinen Teil von Belgien, wo Deutsch gesprochen wird.
Ich selber lebe allerdings im 40 Minuten entfernten Eupen, der Hauptstadt der Deutschsprachigen Gemeinde Belgiens (DG), mit 5 anderen Freiwilligen zusammen in einer WG. Wir alle arbeiten im Zentrum für Förderpädagogik (ZFP), das eine Gemeinschaft von verschiedenen Schulen und anderen Bildungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen und oder Förderbedarf ist. Wir sind alle verteilt an den verschiedenen Standorten des ZFPs und ich bin in St Vith gelandet.

Zu meinen Aufgaben gehört es die Kinder und Lehrpersonen im Unterricht zu unterstützen. Die Superhelden sind eine heterogene Klasse und das heißt, dass die Kinder zwar alle so zwischen 11 und 14 Jahre alt sind, sich aber auf unterschiedlichen Lern-Niveaus befinden. Da ist das Spektrum auch etwas größer, von Lerninhalten der ersten Klasse bis hin zur sechsten ist alles dabei.
Da es 17 Kinder sind und das Lehr-Team mit mir aus 6 Personen besteht, wird die Klasse so gut es geht immer in kleinere Lerngruppen unterteilt, die von Fach zu Fach variieren. Ich mache öfters Einzelarbeit mit Kindern und bin auch oft bei verschiedenen Therapien, die im belgischen Förderschulsystem in den Schulalltag integriert werden, wie Logopädie oder Physiotherapie dabei.
Besonders Spaß machen mir allerdings der Lebenspraktische Unterricht, auch bekannt als die „Heldenwerkstatt“, das Therapieschwimmen und der Unterricht in Emotionaler Intelligenz. Da kommen die Kinder richtig aus sich heraus und ich fand es super spannend ihre Fortschritte zu beobachten.
Jeden Tag heißt es um viertel vor sechs aufstehen. Wenn ich diesen Satz bei der Auswahl meines Projektes gehört hätte, hätte ich es mir vielleicht anders überlegt. Nicht dass mir verschwiegen wurde, dass ich 40-60 min morgens hin und nachmittags wieder zurück mit dem Bus fahren muss aber irgendwie habe ich damals nicht 1 und 1 zusammengezählt, dass das auch bedeutet, verdammt früh aufzustehen.
Rückblickend würde ich mich immer wieder für diese Stelle entscheiden. Für das Kollegium, das mich glücklich in seinen Kreis mit aufgenommen hat und die Kinder, die ich von Anfang an in mein Herz schließen konnte, ist mir das ganze Busfahren auf jeden Fall wert.

Neben der Arbeit an der Schule, wo kein Tag wie der andere ist, habe ich es mir mit meinen Mitfreiwilligen zur Aufgabe gemacht, möglichst viele Städte in Belgien und den umliegenden Ländern zu erkunden.
Uns hat es von der größten Stadt, Brüssel, bis zur kleinsten Stadt Belgiens, Durbuy, getrieben. Wir haben an der französischen und belgischen Küste entspannen können oder auch bei einer Wanderung durch die Moore bei uns im Hohen Venn.
Insgesamt kann man sagen, ich bin gut gereist und habe sehr viele neue Städte und Leute kennenlernen können.
Durch das On-Arrival-Training und Mid-Term-Training konnte ich Europäische Freiwillige, die in ganz Belgien verteilt arbeiten, kennenlernen.
Das war echt ein eindrucksvolles Erlebnis. So viele junge Menschen aus so vielen verschiedenen Ländern an einem Ort um freiwillige europäische Arbeit zu leisten. Wir hatten eine richtig spannende Zeit mit viel Austausch zusammen, die mich definitiv positiv geprägt hat.
Um dieses FJ in Belgien anzutreten, musste ich natürlich auch einen riesigen Schritt für mich gehen – und zwar das Ausziehen von Zuhause.
Glücklicherweise war mir ab dem Moment, als ich meine Mitbewohnerinnen kennengelernt habe, klar, dass dies wohl einer der weniger schwierigen Aspekte dieses Jahres werden wird.
Wir sind zwar zusammengewürfelt worden aber mehr Glück hätte man nicht haben können.
Wir sind hier zu unserer eigenen kleinen Familie geworden und haben miteinander Freunde für eine sehr lange Zeit gefunden.
Eine Frage, die ich jetzt noch besser beantworten kann als damals, als sie mir gestellt wurde, ist: „Warum zur Hölle Ostbelgien?“. Wenn man bedenkt, dass die gesamte DG nur knapp 80 tausend Leute zählen kann und in meiner Heimatstadt Bielefeld über 300 tausend Menschen leben, kann ich diese Frage gut verstehen.
Aber jetzt weiß ich, noch viel besser als damals, warum.
Weil die Menschen hier viel entspannter aber fast so gut organisiert sind wie Deutsche. Weil das Bier hier viel besser schmeckt. Weil man innerhalb einer halben Stunde zwischen 3 Ländern hin und her reisen kann. Weil die Menschen hier tolle herzliche Feste und Events schmeißen können. Weil man mit den sehr günstigen Zügen durch das ganze Land und bis ans Meer in 4 Stunden kommt. Weil in diesen 4 Stunden mindestens 3 Sprachen gesprochen werden. Und auch weil es hier nicht schlimm ist, wenn man eine oder 2 dieser 3 Sprachen nicht sprechen kann (obwohl die meisten es können).
Man hat es glaube ich schon gemerkt, aber ich habe Belgien und die Leute hier sehr ins Herz schließen können über die 285 Tage die ich jetzt hier war.